Heute schon gelogen?

Die Lüge als Zement des gesellschaftlichen UmgangsFalls Ihre Antwort “Nein” war, ist das jetzt eine Lüge? Spaß beiseite: Wenn es um die Wahrheit geht, dann sollten Sie lieber Kinder befragen, denn diese müssen das Lügen erst noch mühsam lernen. Denn: Lügen sind das Fundament unserer Gesellschaft.

“Was für ein wunderschönes Bild!” jubelt die Mutter im Kindergarten, als ihr Sprössling ihr das Gekrakel vom Vormittag zeigt. “Die neue Frisur steht Dir gut.” sagt der Ehemann im Brustton der Überzeugung und verdreht hinter dem Rücken seiner Frau die Augen. “Wie hübsch” schreibt eine junge Frau bei Facebook unter das Foto einer Freundin und klickt auch noch “Gefällt mir” mit einem Herzchen, obwohl sie das Foto für misslungen hält.

Auch im Job ist die Lüge ein fester Bestandteil: “Tolles Konzept!” Mit diesen Worten klopft der Chef dem Neuen kräftig auf die Schulter, obwohl er mehr von ihm erwartet hatte.

Lügen können wir grob in drei Kategorien einteilen. Die selbstsüchtigen Lügen, um sich und seine Leistung in ein besseres Licht zu rücken. Die gesellschaftlichen Lügen, um besser mit anderen Menschen und Gruppen auszukommen. Und schließlich die Notlügen, die einen hin und wieder den Hals retten.

Das Lügen ist uns Menschen jedoch nicht angeboren. Kinder müssen das erst noch lernen. Die lügenfreie Offenheit bringt so manche Eltern in peinliche Situationen.

Ein Kind sagt die Wahrheit, es achtet nicht darauf, ob es andere verletzt. Beispiel: Ein Mann humpelt. Das Kind sagt laut: “Schau, Mama, der Mann humpelt.” Das macht ein Erwachsener nicht. Der Erwachsene sagt die Wahrheit, ohne andere zu verletzen – es sei denn, er möchte gezielt verletzen.

Wer konsequent jedem die Wahrheit sagt, hat mit der Zeit nur noch wenig bis gar keine Freunde. Aber auch die Lügenbolde, die praktisch immer eine Lüge auf den Lippen haben, werden schnell aus der Gemeinschaft ausgegrenzt und stehen allein.

Will man Studien glauben, dann lügen am meisten Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren. Aber auch Erwachsene sind Meister im Lügen. Erst im Alter wird es deutlich weniger. Vielleicht liegt es ja daran: Gute Lügner müssen ein gutes Gedächtnis haben, um nicht aufzufliegen.