Neuland und die digitale Transformation

Digitale Transformation: Wichtiges Thema für FührungskräfteIst Ihnen “Industrie 4.0” kein Begriff? Dann sind Sie ein typisches Beispiel für das menschliche Beharrungsvermögen. Das behauptet zumindest der Autor Tim Cole in seinem neuesten Buch “Digitale Transformation”.

Laut Verlag “ist es ein wichtiges Buch für jeden, der im Unternehmen Verantwortung trägt, vom Chef bis zum Abteilungsleiter, vom Manager bis zum Mitarbeiter, der sich Sorgen macht um seinen Arbeitsplatz von morgen.”

Nun, seine These von den durchweg verschnarchten deutschen Unternehmen macht Cole beispielsweise am Begriff “Industrie 4.0” fest. Laut einer Umfrage (2014) von Techconsult kannten zwei Drittel der Befragten den Begriff nicht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, ist er doch eine Kopfgeburt der Hannover-Messe 2011. Natürlich wurde auch gleich ein entsprechender Arbeitskreis gebildet.

Vier Jahre später erklärte Reinhard Clemens (Geschäftsführer von T-Systems) im Februar: “Außer Gremienarbeit und Maßnahmenempfehlungen gibt es bisher keine konkreten Ergebnisse und kein konzertiertes Vorgehen deutscher Unternehmen in Sachen Industrie 4.0.”

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat auf seiner Webseite eine gute Definition gegeben: “Wenn Bauteile eigenständig mit der Produktionsanlage kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen – wenn sich Menschen, Maschinen und industrielle Prozesse intelligent vernetzen, sprechen wir von Industrie 4.0.”

Doch wie sieht die Realität in Deutschland aus, um einen solchen Anspruch gerecht zu werden? Der Anteil (Dezember 2014) von Glasfaseranschlüssen an allen stationären Breitbandanschlüssen in den Ländern der OECD liegt in Deutschland bei 1,2%. Das ist Platz 29 von 32. Hier ein paar Länder zum Vergleich:

  • Japan: 72,7%
  • Südkorea: 68%
  • Slowakei: 25,8%
  • Portugal: 22%
  • Türkei: 16,4%

Und auch bei der durchschnittlichen Internet-Verbindungsgeschwindigkeit ist Deutschland deutlich abgeschlagen. Bundeskanzlerin Merkel hat ja bei dem Thema den Begriff “Neuland” definiert.

Vor diesem Hintergrund fordert Time Cole nun eine digitale Transformation bei den deutschen Unternehmen ein. Dabei offenbart ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, manches Altbackenes. “Retouren als Chance”, “Verkaufen auf allen Kanälen”, “Nachhaltigkeit” ist Trumpf”, “Smarter einkaufen” und “Das Ende Massenfertigung” klingen nicht gerade neu.

Unter Überschrift “Roboter sind die besseren Chefs” stellt der Autor in Aussicht, dass Fertigungsroboter in ganz naher Zukunft nicht mehr in einem abgesicherten Raum arbeiten, sondern “bald endgültig von der Leine” gelassen werden. Wann es tatsächlich so weit ist, wird sich zeigen. Immerhin wird das papierlose Büro auch seit Jahrzehnten propagiert.

Sehr zynisch finde ich, wenn der Autor zum Thema Wettrennen zwischen Mensch und Maschine schreibt:

“In Wahrheit wissen wir, dass technologischer Fortschritt immer allen nutzt, auch wenn Einzelne sich anpassen müssen – oder am Ende durch die Ritzen fallen. Aber dafür haben wir ein Sozialsystem, und es wird die Aufgabe von Staat und Gesellschaft sein, sich um diese Menschen zu kümmern.”

Für Tim Cole sind auch Unternehmen ein Dorn im Auge, bei denen Anwesenheitspflicht besteht und nicht zumindest “Wissensarbeitern” die Möglichkeit zu flexiblem Arbeiten im Home Office gegeben wird. Schließlich wollen diese “zumindest mitbestimmen, wann und wo sie arbeiten.”

Als Impulsgeber ist das Buch sicherlich empfehlenswert. Auch ein kleiner Blick über den Tellerrand erwartet den Leser.

Digitale Transformation von Tim Cole, Vahlen ISBN 978-3-8006-5043-9, EUR 24,90